Pressebericht Walsroder Zeitung vom 25. August 2020

Obstbaumallee bald ohne Obstbäume?

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Stacheltiere in Gefahr

NABU warnt vor Einsatz motorisierter Gartengeräte

Wer an den ersten lauen Frühlingsabenden still im Garten sitzt und den Geräuschen der Nacht lauscht, kann sie keckern und fauchen oder schmatzend und schnaufend im Gebüsch rascheln hören: Die Igel haben nach rund fünfmonatigem Winterschlaf ihre geschützten Winterquartiere verlassen und durchstreifen auf der Suche nach Laufkäfern, Ohrwürmern, Nacktschnecken, Regenwürmern und Raupen ihr Revier. Durch den zunehmenden Verlust ihrer ursprünglichen Habitate in einer reich gegliederten, vielfältigen Feldflur mit Hecken, Gehölzen, Wegsäumen, Staudendickichten und artenreichen Magerwiesen sind die stacheli­gen Säugetiere zu einem typischen Kulturfolger geworden, der heute vorzugsweise natur­nahe Gärten, Parkanlagen, Friedhöfe und Streuobstwiesen in menschlichen Siedlungen be­wohnt. Hier macht ihnen vor allem die Zerschneidung ihres Lebensraumes durch ein dichtes Straßennetz zu schaffen: Alljährlich werden etwa eine halbe Million Igel von Autos über­rollt. Eine weniger augenfälligere Bedrohung stellt der ungebrochene Trend zu öden Schot­tergärten und stark gepflegtem Einheitsgrün dar, in denen Igel weder ausreichend Nahrung noch geeignete Versteckmöglichkeiten sowie Schlaf- und Nestplätze in Hecken, Sträuchern, hohlen Bäumen, Reisig- und Laubhaufen finden. 

 

Mit dem stetig steigenden Gebrauch von motorisierten Gartengeräten wie Freischneidern, Fadenmähern, Motorsensen und Mährobotern sind die beliebten Insektenfresser einer weite­ren Gefahrenquelle ausgesetzt, die Igelstationen, Wildtierhilfen und Tierheimen in ganz Deutschland immer mehr Pfleglinge beschert. Dabei wird den Stachelrittern eine jahrtausen­dealte Verteidigungsstrategie zum Verhängnis: Bei Gefahr rollen sich die Tiere zu einer re­gungslosen Stachelkugel ein, so dass Gesicht, Bauch und Gliedmaßen verborgen und durch die nadelspitzen, starr aufgerichteten Stacheln geschützt sind. So können sie zwar Fress­feinde wie Marder, Iltis, Fuchs und Dachs erfolgreich abwehren, haben jedoch gegen motori­sierte Gartengeräte keine Chance. Hinzu kommt, dass Freischneider von Gartenbesitzern, Haus­meistern und Bauhofbetreibern gerade dort eingesetzt werden, wo Igel ihre Schlaf- und Nestplätze einrichten, nämlich unter Büschen, an Heckenrändern und in verwilderten, über­wucherten Ecken. Wurden früher im Frühjahr und Sommer nur wenige hilfsbedürftige Igel eingeliefert, die beim Kompostumsetzen mit Mistforken verletzt oder von einem Hund ge­bissen wurden, verzeichnen die Tierhilfen immer mehr Igel mit typischen Verletzungsmus­tern. „Die Tiere weisen tiefe Schnittwunden im Rückenbereich auf, manchmal sind sogar größere Flächen freigelegt“, beschreibt Karolin Schütte von der Wildtier- und Artenschutz­station in Sachsenhagen die Verletzungen ihrer Patienten. „Häufig sind die Wunden bereits entzündet oder von Maden befallen“, ergänzt die Tierärztin und schätzt, dass rund ein Drittel der eingelieferten Tiere so schwer verletzt sind, dass sie sofort eingeschläfert müssen. Ein weiteres Drittel verstirbt trotz Behandlung und intensiver Pflege, so dass letztlich höchstens jeder dritte Igel wieder in die Freiheit entlassen werden kann. 

 

Auch Mähroboter gehören zu den neuen Feinden der Igel. Die als fleißige Helfer angepriese­nen Geräte kommen vor allem in Privatgärten zum Einsatz, wo sie stundenlang ihre Runden drehen und dabei Blühpflanzen, Insekten, Spinnen, Schnecken, Amphibien, Reptilien und kleinen Säugetieren den Garaus machen. Obwohl die Hersteller in den Bedienungsanleitun­gen darauf hinweisen, dass Mähroboter möglichst tagsüber und unter Aufsicht arbeiten sol­len, sind die autonomen Geräte oft nachts unterwegs. Dann tragen sie nicht nur zur Verringe­rung der Artenvielfalt bei, sondern gefährden auch nachtaktive Tiere, die auf Nahrungssuche über den Rasen stromern. „Verletzungen durch Mähroboter sind besonders grausam“, weiß Karin Oehl, die sich seit über vierzig Jahren für den Schutz der Stacheltiere einsetzt. „Zer­schnittene Oberkiefer und Nasen, fehlende Augen, offenliegende Gehirne“, berichtet die 75-jährige Igelmutter aus Nordrhein-Westfalen. „Ich hatte hier in der Station in neun Tagen elf Igel, die starben oder euthanasiert werden mussten. Das erträgt kein Mensch mehr, was da abgeht“. 

 

Um Igel, Jungvögel und andere Gartenbewohner nicht zu gefährden, empfiehlt der Natur­schutzbund Heidekreis (NABU), am besten gänzlich auf den Einsatz von Mährobotern, Frei­schneidern & Co zu verzichten und mehr Wildnis im eigenen Umfeld zu wagen. Giftfreie, naturbelassene Gärten mit heimischen Büschen und Hecken, Blühwiesen statt kurzgeschore­ner Rasenflächen, wuchernden Ranken und Laubhaufen helfen nicht nur Igeln, sondern tra­gen generell zum Erhalt der Artenvielfalt bei. Wer trotzdem motorisierte Geräte einsetzten möchte, sollte darauf achten, dass Mähroboter grundsätzlich nur am Tage laufen. Außerdem müssen Rasenflächen, Gebüsche und andere Einsatzorte vorher kontrolliert und Wildtiere in Sicherheit gebracht werden, zumal es nach §44 BNatSchG verboten ist, wild lebende Tiere ohne vernünftigen Grund zu beeinträchtigen, zu verletzen oder zu töten sowie ihre Lebens­stätten zu beeinträchtigen und zu zerstören. 

 

Wertvolle Tipps zur Anlage naturnaher Gärten finden Interessierte auf den Internetseiten des Naturschutzbundes unter www.nabu.de, umfangreiche Informationen zum Thema Igel gibt es bei Pro Igel e.V. (www.pro-igel.de) und der Igelschutz-Interessengemeinschaft e.V. (www.igelschutz-ev.de).

 

Dr. Antje Oldenburg

Pressesprecherin NABU Heidekreis e.V.


Pressemitteilung:

NABU-Gruppentreffen

Der Naturschutzbund Heidekreis e.V. (NABU) trifft sich am Dienstag, den 11. Februar, um 19.30 Uhr zu einem offenen Arbeits- und Informationsabend im Gasthaus Meding in Dorfmark. Sowohl Neumitglieder als auch Nicht-Mitglieder sind herzlich eingeladen, sich mit eigenen Ideen und Vorschlägen in die Vereinsarbeit einzubringen. Neben aktuellen Themen, Veranstaltungen und Betätigungsfeldern wird Aribert Heidt aus Ahlden sein ambitioniertes Waldpflanzprojekt vorzustellen. Der engagierte Diplomforstwirt möchte zusammen mit Grundeigentümer, Sponsoren und Pflanzaktivisten kleinere und größere Baumpflanzaktionen durchführen, die von fachkompetenter Seite angeleitet und organisiert werden. Zurzeit laufen die Vorbereitungen auf allen Ebenen auf Hochtouren, um verschiedene Akteure wie Grundeigentümer, Forstleute, FFF-ler,  Lehrer/innen, Schulklassen und Umweltverbände zu informieren und für das Klima- und Artenschutzprojekt zu gewinnen.