Pressemitteilung - April 2021

Verheddert, verhungert, ertrunken, erstickt

NABU appelliert für sachgerechte Entsorgung von Verpackungsmüll und Schutzkleidung

Achtlos weggeworfener Gesichtsmasken können zur Todesfalle für Wildtiere werden. (Foto: Dr Antje Oldenburg)
Achtlos weggeworfener Gesichtsmasken können zur Todesfalle für Wildtiere werden. (Foto: Dr Antje Oldenburg)

Obwohl sich die Berichterstattung im letzten Frühjahr schwerpunktmäßig dem Thema Corona zuwandte und dadurch andere globale Probleme wie Klimawandel, Artensterben und soziale Ungleichheiten in den Hintergrund drängte, sind die Schreckensbilder nicht verblasst: Seevögel, die aufgrund plastikgefüllter Mägen Hungers sterben, strangulierte Meeresschildkröten, hoffnungslos in Fischernetze verhedderte Seehunde, mit Verletzungen übersäte Wale und Seepferdchen, die sich an Wattestäbchen statt an Seegrashalme klammern. Alljährlich sterben rund eine Million Vögel und 130.000 Meeressäuger an den Folgen der Vermüllung, die inzwischen ein so großes Ausmaß angenommen hat, dass in den Weltmeeren mehr Plastik als Plankton schwimmt. Obwohl im Nordpazifik bereits ein gigantischer Müllstrudel von der Größe Mitteleuropas treibt, landen Jahr für Jahr weitere acht Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen, die in jahrzehntelangen Zersetzungsprozessen in Mikropartikel zerfallen und dabei gefährliche Inhaltsstoffe freisetzen. 

 

Zwar spielen die Fischerei, die Schifffahrt und die Offshore-Industrie eine wichtige Rolle bei der Verschmutzung der Meere, der meiste Abfall stammt jedoch vom Land und wird durch den Wind und über die Flüsse eingetragen. Die Gefährdung der Tierwelt durch unser Konsum- und Wegwerfverhalten beschränkt sich daher nicht auf marine Arten, sondern betrifft ebenso viele Landlebewesen. Rehe und Hirsche verheddern sich in Plastikschnüren und Drähten oder nehmen beim Äsen Plastikabfälle auf; Füchse, Dachse, Waschbären, Igel und Marder bleiben mit ihren Schnauzen in Getränkedosen und Einwegbechern stecken und sterben einen qualvollen Hungertod. Vögel bauen Folien, Cellophan- und Plastikverpackungen in ihre Nester ein, so dass Regenwasser nur langsam oder gar nicht ablaufen kann und die Küken aufgrund der Feuchtigkeit erkranken oder schlimmstenfalls sogar ertrinken. Schreitvögel wie Reiher und Störche haben unter der achtlosen Müllentsorgung besonders zu leiden. Sie verwickeln sich mit mir ihren langen Beinen in Plastiktüten und –schnüren und verwechseln Gummibänder mit Würmern, was insbesondere für ihren Nachwuchs zu einer akuten Gefahr wird. So mussten in den letzten Jahren vermehrt stark geschwächte Jungstörche im NABU-Artenschutzzentrum Leiferde behandelt werden, die von ihren Eltern mit Gummibändern gefüttert worden waren. Sie haben nur dann eine Überlebenschance, wenn sie die unverdauliche, im Magen oder in der Speiseröhre zusammengeballte „Kost“ als Gewölle wieder auswerfen können. 

 

Seit Beginn der Pandemie sind die Abfallberge auf Rekordhöhe gewachsen und zu den Schnüren, Netzen, Folien, Verschlüssen, Flaschen, Dosen und den allgegenwärtigen Fast-Food-Boxen und ToGo-Bechern ist nun ein weiteres Problem hinzugekommen: Covid-19-Müll wird, wie eine jüngst im Fachmagazin „Animal Biology“ veröffentlichte Studie zeigt, weltweit zu einer Todesfalle für Wildtiere. Zwar ist ungewiss, wie viele der allmonatlich verbrauchten 129 Milliarden Gesichtsmasken und 65 Milliarden Plastikhandschuhe unsachgemäß entsorgt werden. Doch weisen erste Untersuchungen in England und den Niederlanden darauf hin, dass immer mehr Schutzbekleidung in der Umwelt statt im Mülleimer landet und nicht nur Straßen, Fußwege, Parkplätze und Bahnhöfe verschmutzt, sondern auch an Stränden und Ufersäumen, Feld- und Waldwegen, Aussichtspunkten und Sitzplätzen zu finden ist. „Wer an den Osterfeiertagen zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs war, dem dürften vor allem die leuchtend blauen Mund-Nasen-Masken ins Auge gefallen sein, die auch in unserem Landkreis die Gefährdung von Wildtieren durch Plastikmüll weiter verschärfen“, sagt die Pressesprecherin des NABU Kreisverbandes, Dr. Antje Oldenburg. Vögel können Gesichtsmasken in ihren Nestern verbauen, sich mit Füßen, Flügeln und Schnäbeln in den Haltegummis verwickeln oder Reste verdreckter Schutzbekleidung verschlucken. Die Folgen sind ähnlich wie bei anderen Wegwerfartikeln: Strangulierte oder ertrunkene Küken und abgemagerte oder verhungerte Vögel und Säugetiere wurden in der niederländischen Studie ebenso dokumentiert wie in PP-Vlies erstickte Igel und in Plastikhandschuhen zappelnde Fische. „Wir möchten daher alle Bürgerinnen und Bürger bitten, Müll grundsätzlich in dafür vorgesehene Abfallbehälter zu tun“, appelliert der 1. Vorsitzende Klaus Todtenhausen. „Da offene Behälter gerne von Füchsen, Waschbären und Rabenvögeln nach Essbarem durchsucht werden, sollten besonders risikoreiche Verpackungen und Einmalartikel zuhause entsorgt werden. Noch wirksamer ist es, den Abfall erst gar nicht entstehen zu lassen und bereits beim Einkauf möglichst langlebige, schadstofffreie, reparier- und wiederverwendbare Produkte zu bevorzugen“. 


Pressemitteilung - März 2021

Armutszeugnis für die niedersächsische Wolfspolitik

NABU Heidekreis kritisiert Abschuss unauffälliger Welpen und mangelhaften Herdenschutz

Herdenschutz ist das A & O für eine Koexistenz von Wolf und Nutzierhaltung (Foto: Klemens Karkow/NABU)
Herdenschutz ist das A & O für eine Koexistenz von Wolf und Nutzierhaltung (Foto: Klemens Karkow/NABU)

Man muss schon regelmäßig auf den Internetseiten des niedersächsischen Wolfsmonitorings und des Ministeriums für Umwelt, Bauen, Energie und Klimaschutz unterwegs sein, um auf die Informationen zu stoßen, die der Umweltminister wohlweislich nicht an die große Glocke gehängt hat: Bei der am 11.2. in der Nähe von Löningen erschossenen Fähe handelt es sich um einen rund 10 Monate alten Welpen aus dem Herzlaker Rudel, der den genetischen Code GW 1962f trägt und nicht ein einziges Mal an einem Nutztierriss nachgewiesen wurde. Da die für den Elternrüden GW 1111m erteilte Abschussgenehmigung unter Verschluss gehalten wurde, konnten die anerkannten Naturschutzverbände im Vorfeld nicht prüfen, ob die Voraussetzungen für eine artenschutzrechtliche Ausnahme überhaupt erfüllt waren. Ein Blick in die offizielle Risstabelle des NLWKN lässt jedoch berechtigte Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Ausnahmegenehmigung aufkommen, da dem Rüden im gesamten Jahr 2020 nur ein einziger Übergriff auf eine ordnungsgemäß geschützte Schafherde am 1. April nachgewiesen werden konnte, während in allen anderen Fällen kein oder nur ein eingeschränkter Herdenschutz vorhanden war. 

Im Nachhinein mache der traurige Fall zweierlei deutlich. Zum einen sei es höchste Zeit, dass die lobbygesteuerte niedersächsische Wolfspolitik die rechtlichen Abwege verlässt und den Herdenschutz in den Mittelpunkt ihrer Bemühungen stellt. Solange sich Nutztierhalter/innen auch 20 Jahre nach der Rückkehr des Wolfes beharrlich weigerten, ihre Herden trotz staatlicher Fördermittel und verschiedener ehrenamtlicher Hilfsangebote zu schützen, werde es immer wieder zu Übergriffen kommen. Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern zeigten indes, dass sich Verluste am besten minimieren ließen, wenn man bereits in potentiellen Wolfsgebieten mit dem Herdenschutz beginnt. Information, Aufklärung und Prävention seien folglich das A & O einer erfolgreichen Wolfspolitik. 

 

Zum anderen stehe der „willkürliche Abschuss streng geschützter Tiere auf der Grundlage der Einzelnorm § 45a BNatSchG in eklatantem Widerspruch zu den Anforderungen, die das EU-Recht an artenschutzrechtliche Ausnahmen stellt“, so der 1. Vorsitzende des NABU Heidekreis, Klaus Todtenhausen. „Da die abgeschossene juvenile Fähe weder Schäden verursacht hatte noch als Schadensverursacher in Betracht kam,  war ihre Tötung weder verhältnismäßig noch geeignet, weitere Schäden zu verhindern – sie war sinnlos und ohne vernünftigen Grund.“ 

 

Außerdem müsse man dringend klären, wieso die beauftragten Jäger trotz des Einsatzes von Visiervorrichtungen für das Schießen bei Nacht mit elektronischen Bildverstärkern oder Bildumwandlern nicht in der Lage seien, Jungtiere von ausgewachsenen Rüden zu unterscheiden, schließlich sei – wie jüngst bekannt wurde – auch im Revier des Ebstorfer Rudels statt des zum Abschuss freigegebenen Elternrüden eine junge Fähe abgeschossen worden. „Die Behauptung des NLWKN, durch den Einsatz von Nachtzielgeräten könnten weitere ernste bzw. erhebliche Schäden durch einen gesteigerten „Entnahmeerfolg“ verhindert werden, wurde nun gleich zweimal ad absurdum geführt“, fasst Pressesprecherin Dr. Antje Oldenburg das Vorgehen der Umweltministeriums zusammen und  fordert, das sinnlose Töten umgehend zu beenden und sämtliche Abschussgenehmigungen offen zu legen. 


Pressemitteilung - März 2021

Waldschutz beginnt vor der Haustür

NABU, BUND und Fridays For Future fordern sofortigen Stopp von Waldzerstörung für Bauvorhaben

Innerörtlicher Wald in Munster (Foto: Stefan Koszowyj)
Innerörtlicher Wald in Munster (Foto: Stefan Koszowyj)

Die verheerenden Waldbrände in Australien, Brasilien, Sibirien und Kalifornien haben es uns deutlich vor Augen geführt. Jahr für Jahr gehen weltweit über zehn Millionen Hektar Wald in Flammen auf oder werden mit Harvestern, Sägen und Äxten gerodet. Die Ursachen der Entwaldung sind vielfältig. Während die Hauptgründe in Südamerika, Asien und Afrika in der Ausweitung landwirtschaftlicher Produktionsflächen zum Anbau von Futter- und Lebensmitteln, dem großflächige Holzeinschlag für die Bau-, Zellstoff- und Papierindustrie und der Ausbeutung von Bodenschätzen liegen, müssen europäische Wälder häufig Bauvorhaben und Infrastrukturprojekten weichen. Dabei stellt die rapide voranschreitende Zerstörung der Wälder nicht nur eine der größten Bedrohungen für die weltweite Biodiversität dar, sondern sie trägt durch die Freisetzung von Treibhausgasen und die Störung der Wasserkreisläufe auch erheblich zum Klimawandel bei. Dem Schutz bestehender und der Wiederherstellung verschwundener Waldökosysteme kommt somit eine besondere Bedeutung zu.

 

Doch gilt es nicht allein, die artenreichen tropischen Regenwälder zu bewahren – „auch unser heimischer Wald ist ein hohes Schutzgut, das nicht mehr leichtfertig für Beton-, Pflaster- und Schotterwüsten geopfert werden darf“, macht der 1. Vorsitzende des NABU Heidekreis, Klaus Todtenhausen, deutlich und freut sich über die kreisweite Initiative zur Walderhaltung, die anlässlich der Flächennutzungsplanänderung für die "Gewerbliche Baufläche Soltau-Ost IV" entstanden ist. Im Wettlauf mit der Stadt Walsrode, die nach den Erweiterungen der Gewerbegebiete Schneeheide und Honerdingen auch über ein rund 90 ha großes Gewerbegebiet bei Krelingen nachdenkt, werden die Pläne in Soltau nun konkret: Östlich der Autobahnabfahrt Soltau-Ost soll zu beiden Seiten der B 71 eine ca. 100 ha große Waldfläche für die Ansiedlung von Gewerbe geopfert werden. „Auch wenn es sich in dem Gebiet „nur“ um Fichten- und Kiefernbestände handelt, wäre eine Waldentwicklung hin zu einem stabilen Mischwald angesichts der dramatischen Entwicklung unseres Klimas sowie der immer weiter sinkenden Grundwasserstände die einzige verantwortungsvolle Maßnahme,“ so Katharina Lohrie vom BUND Heidekreis. Auch innerörtliche Waldstücke wie die beiden reich strukturierten Laubmischbestände in Hodenhagen und Munster, die jüngst für Bauzwecke gerodet wurden, sollten künftig erhalten werden. Sie verbessern die Luftqualität, regulieren die Temperaturen, bieten Lebensraum für Fauna und Flora und wirken sich positiv auf die Gesundheit und die Lebensqualität der Bürger/innen aus.

Waldzerstörung in Hodenhagen (Foto: Klaus Todtenhausen)
Waldzerstörung in Hodenhagen (Foto: Klaus Todtenhausen)

Zwar müsse als Ausgleichsmaßnahme für Waldumwandlungen an anderer Stelle neuer Wald gepflanzt werden, doch vergehen Jahrzehnte, bis die Ersatzpflanzungen eine annähernd gleiche Funktion für Klima- und Naturschutz haben – sofern die ausgewählten Baumarten es überhaupt schaffen, sich an die sich ändernden Umweltbedingungen und Wetterextreme anzupassen. Hinzu komme, dass die Flächen für Kompensationsmaßnahmen immer knapper werden, so habe es die Stadt Soltau zum Beispiel auch nach 13 Jahren nicht geschafft, alle Ersatzaufforstungen für das Industriegebiet westlich der Autobahn in Harber umzusetzen.

 

Auch FridaysForFuture -Walsrode unterstreicht die wichtige Rolle, die Wälder sowohl global als auch lokal im Klimasystem spielen. „Waldrodungen beschleunigen den Klimawandel, da sie den Wasserkreislauf stören und langfristig zu Dürren führen, die wiederum Hitzeschäden an den restlichen Wäldern nach sich ziehen.“ Aufgrund dieser sich selbst verstärkenden Abwärtsspirale sei jeder Zentimeter Wald außerordentlich bedeutend für uns alle. „Wie weit wollen wir noch gehen? Feuer löscht man nicht mit Benzin“, stellen Bjarne Grätsch und Maureen Bensch fest und fordern daher gemeinsam mit BUND und NABU: Finger weg vom Wald! Keine Waldzerstörung für neue Gewerbe- und Baugebiete. 

 

Dr. Antje Oldenburg

Pressesprecherin Naturschutzbund Heidekreis e.V. (NABU)

 

für

BUND Heidekreis e.V. 

FridaysForFuture-Walsrode

NABU Heidekreis e.V.


Pressemitteilung - Februar 2021

Hoffnung für das Aller-Leine-Tal

NABU Heidekreis sieht sich durch Vertragsverletzungs¬verfahren wegen mangel-hafter Umsetzung der Habitat-Richtlinie bestätigt

Das streng geschützte Braunkehlchen ist im Aller-Leine-Tal fast verschwunden. Der Bestand ging von 20 bis 50 Brut-/Revierpaare (1985) auf 1 BP und 3-5 RP (2020) zurück.  (Foto: F.U.Schmidt)
Das streng geschützte Braunkehlchen ist im Aller-Leine-Tal fast verschwunden. Der Bestand ging von 20 bis 50 Brut-/Revierpaare (1985) auf 1 BP und 3-5 RP (2020) zurück. (Foto: F.U.Schmidt)

Wie jüngst bekannt wurde, hat die EU-Kommission beschlossen, Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof zu verklagen, weil das Land seine Verpflichtungen im Rahmen der Habitat-Richtlinie zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume sowie der wildlebenden Tiere und Pflanzen nicht eingehalten hat. Die FFH-Richtlinie verpflichtet die Mitgliedsstaaten, dem Verlust an biologischer Vielfalt entgegenzuwirken, indem sie besondere Schutzgebiete ausweisen und gebietsspezifische Erhaltungsziele sowie geeignete Maßnahmen festlegen, um einen günstigen Erhaltungszustand der Arten und Lebensräume zu erhalten oder wiederherzustellen. Laut EU-Kommission hat Deutschland jedoch trotz mehrfacher Aufforderungsschreiben die Ausweisungsfristen für einige Gebiete um mehr als 10 Jahre überschritten. Außerdem wurde festgestellt, dass für alle 4606 Gebiete von gemeinschaftlicher Bedeutung keine hinreichend detaillierten und quantifizierten Erhaltungsziele festgelegt wurden. 

 

„Wir haben bereits vor zwei Jahren in unserer Stellungnahme darauf hingewiesen, dass die Schutzgebietsausweisung des Aller-Leine-Tals die rechtlichen und fachlichen Anforderungen der FFH-Richtlinie nicht erfüllt“, sagte der 1. Vorsitzende des NABU Heidekreis, Klaus Todtenhausen. „Unsere Bedenken und Einwände wurden jedoch aus politischen Gründen zurückgewiesen“. Dies gelte nicht allein für das Fehlen verbindlicher Erhaltungsziele und quantitativer oder quantifizierbarer Ziele und Zeiträume für ihre Überprüfung, sondern auch für die Abgrenzung zwischen Natur- und Landschaftsschutzgebieten. „Aufgrund der Klage vor dem Europäischen Gerichtshof  besteht nun die berechtigte Hoffnung, dass die eklatanten Mängel der Schutzgebietsausweisung von der Untere Naturschutzbehörde unter rein fachlichen Gesichtspunkten behoben werden müssen und somit am Ende aus der Nutzgebietsverordnung doch noch eine Schutzgebietsverordnung wird, die es ermöglicht, das Aller-Leine-Tal wieder zu dem zu machen, was es einst war: Ein attraktiver Lebensraum für Braunkehlen, Kiebitz, Rotschenkel & Co.“, ergänzt Pressesprecherin Dr. Antje Oldenburg und weist auf eine Strafzahlung von mehr als elf Millionen Euro und ein tägliches Zwangsgeld von 860.000 Euro hin, das am Ende des Verfahrens bis zur Behebung der Umsetzungsdefizite drohen kann.


Pressemitteilung - Februar 2021

Vom Wolfsschutz zum Wolfsabschuss

NABU Heidekreis kritisiert verfehlte Wolfspolitik des Landes

Mit Fassungslosigkeit hat der Kreisverband des Naturschutzbundes auf die Tötung der Fähe des Herzlaker Rudels reagiert, die in der letzten Woche bei Löningen (LK Cloppenburg) abgeschossen wurde, obwohl die unter Verschluss gehaltene Abschussgenehmigung des Ministeriums für den Rüden ausgestellt war. „Der willkürliche Abschuss streng geschützter Tiere, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, steht in eklatantem Widerspruch zu den Anforderungen, die das EU-Recht an artenschutzrechtliche Ausnahmen stellt“, sagte der 1. Vorsitzende des NABU Heidekreis, Klaus Todtenhausen. „Der EuGH hat in seinem Urteil vom 10.10.2019 unmissverständlich klargestellt, dass nur einzelne, konkret identifizierte Individuen auf der Basis der in der FFH-Richtlinie Artikel 16 Abs. 1 dargestellten Ausnahmetatbestände getötet werden dürfen.“ Außerdem werde durch die Geheimhaltung dieser und weiterer Abschussgenehmigungen das Niedersächsische Umweltinformationsgesetz unterlaufen und das Verbandsklagerecht ausgehebelt. Dieses Vorgehen mit den schutzwürdigen Interessen Dritter, insbesondere der Jagdausübungsberechtigten, zu begründen, mag zwar zunächst plausibel klingen, doch sei es ein Leichtes, die personenbezogenen Daten zu schwärzen und den klageberechtigten Verbänden eine anonymisierte Fassung zukommen zu lassen, damit sie überprüfen können, ob die Voraussetzungen für eine artenschutzrechtliche Ausnahme überhaupt erfüllt sind und gegebenenfalls juristische Schritte einleiten können. Ein Blick in die offizielle Risstabelle des NLWKN ließe jedoch sogar berechtigte Zweifel an der Rechtmäßigkeit der für den Rüden GW1111m erteilten Ausnahmegenehmigung aufkommen, da ihm im gesamten Jahr 2020 nur ein einziger Übergriff auf eine ordnungsgemäß geschützte Schafherde am 1. April nachgewiesen werden konnte, während in allen anderen Fällen kein oder nur ein eingeschränkter Herdenschutz vorhanden war. 

 

„Der Abschuss der Herzlaker Fähe ist der unrühmliche Höhepunkt einer völlig verfehlten Wolfspolitik, die mit der Novelle des Bundesnaturschutzgesetzes vor rund einem Jahr ihren Anfang nahm“, resümiert Pressesprecherin Dr. Antje Oldenburg. Damals hatten Bundestag und Bundesrat mit den Stimmen der GroKo den Änderungen zum Umgang mit dem Wolf zugestimmt, obwohl namhafte Juristen in der vorherigen Anhörung zu dem Ergebnis gekommen waren, dass die Regelungen in weiten Teilen dem europäischen Natur- und Artenschutzrecht widersprechen. Obwohl wenig später eine EU-Beschwerde zu der Gesetzesnovelle vorlag, setzte Minister Lies die fragwürdigen Änderungen zügig in der Niedersächsischen Wolfsverordnung um, ohne den Bedenken der Verbände, insbesondere im Hinblick auf die Sonderregelung für zumutbaren Herdenschutz an Deichen und bei der Prognose zukünftiger wirtschaftlicher Schäden, Rechnung zu tragen. Der NABU Landesverband sah sich daher gezwungen, der zunehmenden Aufweichung des Schutzstatus der Wölfe mit einer EU-Beschwerde zu begegnen. Weitere Meilensteine auf dem Weg vom Wolfsschutz zum Wolfabschuss unter der Ägide von Olaf Lies seien die serienmäßigen Absagen der Zusammenkünfte des Arbeitskreises Wolf - einem Zusammenschluss verschiedener Institutionen, Verbände und Interessengruppen -, die avisierte Aufnahme des Wolfes in das niedersächsische Jagdrecht und die Entlassung zweier Wolfsberater, die dem Minister offenbar aufgrund ihrer kritischen Stellungnahmen zu der Niedersächsischen Wolfsverordnung und den illegalen Abschüssen von Wölfen im Rahmen ihrer Vorstandstätigkeit im Freundeskreis freilebender Wölfe e.V. ein Dorn im Auge waren. 


Pressemitteilung - Januar 2021

Überraschende Kehrtwende im Fall des toten Wolfes bei Wesseloh

Wie vor einigen Tagen bekannt wurde, starb der am Sylvesternachmittag von Spaziergängern bei Wesseloh aufgefundene Wolf nicht an einem Schuss, sondern durch einen Verkehrsunfall. Dabei ließen die Aussagen des erfahrenen Wolfsberaters, Bundesförsters und Jägers Jörg-Rüdiger Tilk keinen Zweifel an der Todesursache aufkommen: Er hatte bei der Untersuchung ein „Einschussloch“ gefunden und von einer „hässlichen Schussverletzung“ gesprochen mit der Folge, dass auch in der Statistik der Totfunde, die im Rahmen des offiziellen Wolfsmonitoring von der Landesjägerschaft Niedersachsen geführt wird, als Todesursache „illegale Tötung“ angegeben wurde. Umso überraschender ist das Ergebnis der am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin vorgenommenen Obduktion, der zufolge der Schädel eine für Verkehrsunfälle typische Haarriss-Fraktur aufweist.  

 

Dieses Untersuchungsergebnis ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass in Deutschland Wölfe Opfer illegaler Nachstellungen werden. Insgesamt listet die Statistik für Niedersachsen 10 Fälle, bundesweit sind es laut DDBW 53, wobei allgemein von einer deutlich höheren Dunkelziffer ausgegangen wird, da es in den letzten Jahren immer wieder Fälle gegeben hat, in denen einzelne Wölfe und sogar ganze Rudel ohne ersichtlichen Grund spurlos verschwunden sind. Doch nicht nur Wölfe, deren Abwe­senheit der Jägerschaft jahrzehntelang als Legitimierung ihres Treibens in Feld und Flur diente, sind von illegalen Tötungen betroffen. Auch andere, durch das Bundesna­tur­schutzgesetz, die FFH-Richtlinie und die EU-Vogelschutzrichtlinie streng ge­schützte Arten wie Luchs, Fischotter, Biber und Greifvögel fallen Kriminellen zum Opfer. So wurden beispielsweise allein in NRW in den Jahren 2005 bis 2014 insge­samt 709 Greifvögel und Eulen erschossen, vergiftet oder in Fallen getötet. Besonders besorg­niserregend ist auch die Situation bei der Luchspopulation im Böhmerwald, der sich auf das Dreiländereck Deutschland, Tschechien und Österreich erstreckt. Dort wurden im Zeitraum von 1982 bis 2016 ins­gesamt 83 illegal getötete Luchse registriert, da­runter mehrere trächtige oder führende Weibchen. 

 

Es gehört zu den Aufgaben der Naturschutzverbände, auf diese Missstände hinzuwei­sen, Defizite bei der Strafverfolgung und der Umsetzung der geltenden Vorschriften aufzuzeigen, Maßnahmen wie beispielsweise eine zentrale Dokumentation und die Einrichtung von Stabstellen für Umweltkriminalität einzufordern und sich dafür einzu­setzen, dass Wilderei endlich im gesellschaftlichen und politischen Diskurs als ernst­zunehmendes, kriminelles Problem erkannt wird. Es zählt ebenso zu den Aufgaben von Naturschutzverbänden zu überprüfen, ob von unseren Politikerinnen und Politi­kern verabschiedete Gesetze und Verordnungen gegen höherrangiges Recht verstoßen. Als der Bundestag im letzten Jahr die so genannte „Lex Wolf“ beschloss, obwohl namhafte Juristinnen und Juristen in der vorangegangenen Anhörung unisono zu dem Ergebnis gekommen waren, dass der Gesetzesentwurf in weiten Teilen dem europäi­schen Natur- und Artenschutzrecht widerspricht, reichten mehrere Natur- und Tier­schutzorganisationen bei der EU-Kommission eine Beschwerde ein, die sich noch in der Verhandlungsphase befindet. Da in die Niedersächsische Wolfsverordnung weitere Verschärfungen zur Aufweichung des Schutzstatus des Wolfes aufgenommen wurden, ist es nur konsequent, dass der NABU Landesverband eine EU-Beschwerde gegen die Verordnung eingereicht hat. Denn auch in diesem Fall wurden die erheblichen fachli­chen und rechtlichen Bedenken, die in einer umfangreichen Stellungnahme zum Ver­ordnungsentwurf dezidiert aufgeführt wurden, vom Tisch gewischt. Wer dieses Vor­gehen kritisiert und dem NABU vorwirft, zu polarisieren, Unwahrheiten zu verbreiten und Hass zu schüren, sollte dringend sein Verständnis von Rechtstaatlichkeit überprü­fen und sich einmal selbst den Spiegel vorhalten. 

Links zum Thema:

 

Das WWF-Hintergrundpapier 09/2019 „Wilderei in Deutschland – Illegale Tötung streng geschützter Wildtiere“ kann man unter https://www.wwf.de/themen-projekte/naturschutz-deutschland/wilderei-in-deutschland lesen und herunterladen. 

 

Die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Bündnis 90/Die Grünen-Fraktion zum Thema „Wilderei in Deutschland“ (Drucksache 19/5358 vom 29.10.2018) findet sich hier: https://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/19/053/1905358.pdf.


Pressemitteilung - Januar 2021

NABU Heidekreis verurteilt Wolfs-Abschuss bei Wesseloh

Jungwölfin  (Foto: Michael Hamann/NABU)
Jungwölfin (Foto: Michael Hamann/NABU)

Mit wachsender Sorge betrachtet der Kreisverband des Naturschutzbundes die Zunahme illegaler Wolfstötungen in der nördlichen Heideregion. „Das bei Wes­seloh mit einer tödlichen Schussverletzung aufgefundene Jungtier ist nach dem Mitte Oktober bei Salzhausen schwer verletzt am Straßenrand entdeckten Wolf nun bereits der zweite Fall, in dem ein Wolf im letzten Jahr durch oder infolge eines Schusswaffengebrauchs in der nördlichen Heideregion ums Leben ge­kommen ist“, konstatiert Klaus Todtenhausen, 1. Vorsitzender des NABU Hei­dekreis und befürchtet zudem eine hohe Dunkelziffer gewilderter Wölfe. Dass der Anfang 2020 bei Rotenburg überfahrene Elternrüde des Visselhöveder Rudels eine verheilte Schussverletzung aufwies, sei ein weiteres Indiz für die zunehmende Aggressivität gegenüber einer streng geschützten Tierart, die ver­bal sowohl durch unsachliche, unausgewogene und reißerische Medienberichte als auch durch Forderungen nach „Obergrenzen“ und „wolfsfreien Zonen“ befeuert werde. „Wenn politische Entscheidungsträger wie Bundeslandwirtschaftsminis­terin Julia Klöckner oder Niedersachsens Umweltminister Olaf Lies für eine vor­sorgliche Bejagung im Rahmen eines Bestandsmanagements plädieren und un­geachtet der europarechtlichen Vorgaben alles daransetzen, den hohen Schutzstatus des Wolfes aufzuweichen und die Anforderungen an den Herdenschutz zu senken, darf man sich nicht wundern, wenn die Hemmschwelle sinkt und der eine oder andere Waffenbesitzer bei Nacht und Nebel den Finger am Abzug krümmt“, ergänzt Pressesprecherin Dr. Antje Oldenburg. Da bislang keine der neun zwischen 2000 und 2019 in Niedersachsen bekannt gewordenen illegalen Wolfstötungen aufgeklärt wurde, fordert der NABU-Kreisverband die zuständi­gen Behörden auf, entschlossener und konsequenter bei der strafrechtlichen Verfolgung vorzugehen. Sollte bei der Obduktion des jüngst erschos­senen Wolfes tatsächlich ein Projektil geborgen werden, könnten sich daraus wertvolle Hinweise auf die Waffe und damit auch auf den Täterkreis ergeben. Wer sachdienliche Hinweise zur Ergreifung des Täters geben kann, sollte sich unbedingt an die Polizei wenden, denn das Töten eines streng geschützten Tieres sei kein harmloses Kavaliersdelikt, sondern eine Straftat, die mit einer Geldbuße bis zu 50.000 €, dem Entzug der Waffenbesitzerlaubnis und sogar einer Freiheitsstrafe bis zu 5 Jahren geahndet werden kann.